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Nordwärts 
Eine fotografische Reise durch den Norden

Manche Reisen beginnen lange, bevor man den Motor startet. Sie beginnen mit der Sehnsucht nach Weite,
nach Stille und nach dem Gefühl, den Alltag für eine Zeit hinter sich zu lassen.

Vier Monate lang bin ich mit meinem Camper durch Schweden, Finnland und Norwegen unterwegs. Jeden Tag verändert sich die Landschaft –
von dichten Wäldern über weite Tundra bis hin zu den rauen Küsten des Nordens.

Diese Reportage erzählt von den Momenten dazwischen: vom Aufbruch, von stillen Begegnungen mit der Tierwelt,
vom Leben unterwegs und vom Licht, das den Norden jeden Tag ein wenig anders erscheinen lässt.

Ich nehme dich mit auf eine Reise durch den Norden – erzählt in Bildern und Geschichten.

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Mit der Fähre von Rostock nach Trelleborg beginnt meine Reise Richtung Norden. Langsam verschwindet der Hafen am Horizont,
bis nur noch die Windräder in der Ferne an das Festland erinnern.

Vor mir liegt die offene Ostsee – ruhig, endlos, in jede Richtung blau. Ich ziehe mich zurück, allein mit dem Blick aufs Wasser,
während sich hinter dem Schiff die weiße Kielspur langsam wieder auflöst.
Unbekannte Straßen, weite Landschaften und unzählige Momente liegen vor mir, die ich mit der Kamera festhalten möchte.

Bewusst habe ich keine feste Reiseroute geplant. Stattdessen lasse ich mich vom Wetter und den Landschaften leiten.

Die ersten Kilometer in Schweden

Nach etwa sechs Stunden erreiche ich Trelleborg. Schon die ersten Kilometer durch Südschweden fühlen sich anders an.
Die Straßen werden ruhiger, die Wälder dichter, und die Seen prägen die Landschaft.
Die ersten Herbstfarben begleiten meinen Weg, und am Abend finde ich einen kleinen Platz direkt am See.

Die Wildnisstraße - Vildmarksvägen

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Der Vildmarksvägen führte mich weit über die Baumgrenze hinaus, mitten in die Weite Schwedens.
Über 365 Kilometer zog sich die Straße durch Jämtland und Lappland, vorbei an Seen, Flüssen und endlosen Moorflächen.

Am Kirchendorf Ankarede halte ich an – hier trafen sich einst Samen und Schweden zum gemeinsamen Gottesdienst,
und die alten Holzkåtor zwischen den Birken erzählen noch heute von dieser samischen Kulturlandschaft.
Diese Weite ist keine menschenleere Wildnis, sondern seit Generationen Heimat der Samen, die hier mit ihren Rentierherden zwischen den Jahreszeiten ziehen –
selbst der Name des Stekenjokk-Plateaus, das die Straße überquert, stammt aus dem Südsamischen und bedeutet sinngemäß "dort, wo die Rentiere sind".

Irgendwann verschwanden die letzten Bäume, und nur noch kahle Hügel und offenes Land bestimmten den Horizont.
Die Landschaft wirkte rauer und ursprünglicher als alles, was ich bisher gesehen hatte, und mit jedem Kilometer wuchs das Gefühl, immer tiefer in den Norden einzutauchen.

Ankommen in Lappland - Abisko

Langsam hält der Herbst Einzug. Die Blätter der Zwergbirken verfärben sich langsam in Gold- und Rottönen, während die Nächte spürbar kühler werden. Am Ufer liegen kleine rote Fischerboote und Bootshäuser – ein ruhiger Kontrast zur kargen Bergwelt dahinter. Immer wieder verändert sich die Stimmung am See: An manchen Tagen liegt das Wasser vollkommen ruhig vor mir, an anderen zieht der Wind über Torneträsk und lässt kaum noch etwas von dieser Ruhe übrig.

An einem Tag wandere ich zum Aussichtspunkt Storknabben und lasse den Blick über den See und die umliegenden Berge schweifen. An einem anderen steige ich gemeinsam mit Mario auf den Slåttatjåhka. Mit 1.191 Metern gehört er zu den markanten Bergen des Nationalparks. Von oben öffnet sich der Blick weit über Torneträsk und die umliegende Fjälllandschaft.

Seit Jahrhunderten nutzen Samen das Gebiet rund um Torneträsk. Heute liegen hier die Weideflächen der Gabna Sameby, deren Rentiere je nach Jahreszeit durch diese Landschaft ziehen. Spuren der langen samischen Geschichte finden sich noch immer im Nationalpark – darunter alte Feuerstellen, Siedlungsplätze und Überreste früherer Fanggruben.

Etwa 250 Kilometer nördlich des Polarkreises verbringe ich so eine Woche zwischen See, Bergen und den ersten Farben des Herbstes. Gerade die wechselnden Bedingungen machen diese Tage für mich besonders – vom stillen Morgen am Torneträsk bis zu den weiten Ausblicken hoch über dem See.

Wo die Bären zuhause sind - Finnland

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Gleich hinter der Grenze begrüßt mich eine völlig fremde Sprache – Finnisch – und damit wird der Übersetzer auf dem Handy für die nächsten Tage mein ständiger Begleiter.

Ich fahre weiter nach Kuusamo, wo ich Pekka kennenlerne, der mitten in seinem eigenen Wald ein Wildtiergebiet betreut. Er erzählt freudig, aber auch nachdenklich von den Bären,
die hier wie in ganz Finnland stark bejagt werden. An diesem Abend sitze ich mit Mario in einem Versteck am Waldrand und warte gespannt – es soll unsere erste Begegnung mit Bären werden.
Irgendwann zeigen sich die ersten Bären und klettern tapsig einen Baumstamm hoch, ganz mit sich selbst beschäftigt, aber dennoch sehr wachsam. Ich bleibe so lange,
bis die Dämmerung alles in ein stumpfes Blau taucht und die Nacht hereinbricht.

Nicht weit von hier mache ich noch einen Stopp im Nationalpark Oulanka. Über eine Schotterpiste erreiche ich erneut die Grenze zu Russland und finde einen Stellplatz direkt am Oulankajoki-Fluss.  Am nächsten Morgen liegt dichter Tau über dem Flusstal, während sich die ersten Sonnenstrahlen durch den Nebel kämpfen. Diese Grenze bedeutet nichts für die Natur: Zusammen mit dem russischen Nationalpark Paanajärvi bildet Oulanka das größte grenzüberschreitende Schutzgebiet Europas.

Auf dem Weg Richtung Norden fahre ich stundenlang durch das einsame finnische Lappland, bis ich Inari erreiche. Rund 250 Kilometer nördlich des Polarkreises gelegen,
gilt der Ort als Herz der finnischen Samenkultur, malerisch am Inarijärvi, Finnlands drittgrößtem See. Ein paar Stunden sitze ich einfach nur da und schaue in die Natur,
während in der Ferne ein Wasserflugzeug abhebt – das Gefühl, ganz weit weg von der Welt zu sein, wird hier greifbar. Wehmütig breche ich weiter Richtung Kirkenes auf.
Eigentlich will ich noch nicht weg, aber der Wetterbericht meldet Schnee für die nächsten Tage.

Grenzenlose Stille, unsichtbare Wachsamkeit - Grense Jakobselv

Die ganze Nacht prasselt der Regen auf den Camper, dazwischen schüttelt mich der Wind durch – was für eine norwegische Begrüßung.
Am Morgen nach der stürmischen Nacht erkunde ich gemeinsam mit Mario die Gegend, so weit es erlaubt ist. Von einer kleinen Anhöhe blicke ich über die Grenze nach Russland,
während Soldaten gerade etwas am Funkturm richten. Hinter mir, auf einem nur für norwegische Soldaten zugänglichen Berg, liegt Norwegens nördlichster Beobachtungsposten –
hier wird jeder Meter genau überwacht. An dieser von Menschen gemachten Grenze treffen nicht nur politische Spannungen aufeinander, sondern auch zwei unterschiedliche Zeitzonen.

Fotografieren ist hier nur eingeschränkt möglich: Russische Militärangehörige und militärisches Material auf russischem Gebiet dürfen nicht fotografiert werden.
Die Grenze wird auf beiden Seiten streng überwacht und die geltenden Regeln sollte man hier unbedingt beachten.

Ursprünglich lebten hier Samen, bis das Gebiet 1826 unter verschiedenen Nationen aufgeteilt wurde und sie es verließen. Im Zweiten Weltkrieg waren deutsche Truppen hier stationiert,
später besetzte die sowjetische Armee das Gebiet, das norwegisch blieb. Ich gehe etwas weiter zur König-Oskar-II-Kapelle, errichtet als Grenzmarkierung und Friedenszeichen
nach wiederholten Streitigkeiten zwischen norwegischen und russischen Pelzjägern und Fischern.

Mein Blick wandert immer wieder zur Barentssee – dort draußen, in dieser endlosen Weite, liegt nicht nur ein militärischer Schiffsfriedhof, sondern der größte Atom-U-Boot-Schrottplatz der Welt, darunter die im Jahr 2000 dramatisch gesunkene Kursk. 1960 setzte die Sowjetunion nahe Murmansk Königskrabben aus – sie haben sich längst bis an die norwegische Küste ausgebreitet und gelten mittlerweile als Plage.

Arktische Tundra, endloser Horizont - Varangerhalvøya

Weit im äußersten Nordosten Norwegens, wo raue Küsten auf Sandstrände treffen und eine einzigartige Tierwelt zu finden ist, liegt die Halbinsel Varanger. Von April bis September ist die kleine Halbinsel ein Paradies für Vogelbeobachter: Rund 80.000 Vögel nisten in dieser Zeit auf der Insel Hornøya, Norwegens östlichstem Nistplatz, direkt vor der norwegischen Küste gelegen.

Ich besuche Vardø, eine der ältesten Städte Norwegens – und eine mit dunkler Geschichte. Im 17. Jahrhundert wurden hier und in der umliegenden Finnmark 91 Menschen, die meisten von ihnen Frauen, der Hexerei bezichtigt und hingerichtet. Am Steilneset, dem mutmaßlichen Hinrichtungsplatz, erinnert seit 2011 ein Mahnmal von Peter Zumthor und Louise Bourgeois an die Opfer – 91 schmale Fenster, eines für jeden von ihnen. Von hier aus fahre ich über die wohl schönste Landschaftsroute des Landes weiter nach Hamningberg – ans Ende der Welt, wie es hier heißt.

An einem anderen Tag führt mich die Straße über das Kongsfjordfjellet, kahl und weit, bevor sie sich wieder zur Küste hinunterschlängelt und in die Eismeerstraße übergeht – dort, am Ende des Wegs, liegt der Leuchtturm Kjølnes: 1916 erbaut, im Zweiten Weltkrieg von der zurückweichenden deutschen Wehrmacht zerstört, 1949 wiederaufgebaut – heute dient er als Gästehaus für Reisende, die genau diese Einsamkeit suchen.

Im Tanamunningen-Naturreservat, einem der größten Flussdeltas Norwegens, bekomme ich beim Blick über die weite Mündungslandschaft regelrecht Gänsehaut. Über 180 Vogelarten sind hier registriert, und jedes Jahr sammeln sich bis zu 27.000 Schellenten in der Bucht, bevor sie weiter an die Küste der Finnmark ziehen – ein Naturschauspiel, das dieses international geschützte Feuchtgebiet so besonders macht.

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Karge Insel - Magerøya

Magerøya, die „karge Insel“, geformt von den Wellen des Eismeeres, von eisiger Kälte und unberechenbaren Stürmen. Die Landschaft ist nahezu baumlos, geprägt von Felsen, Tundra und einer Vegetation, die sich an die kurzen arktischen Sommer angepasst hat. In dieser Zeit ziehen auch Rentiere über die Insel, bevor sie zum Überwintern wieder ins Fjell zurückkehren.

Die Kugel am Nordkapp reicht mir als nördlichster Punkt Europas nicht – tatsächlich liegt Knivskjellodden noch rund 1,5 Kilometer weiter nördlich. Rund neun Kilometer führt der Weg dorthin, markiert nur mit Steinmännchen, über karges Land und Felsplatten bis zum Meer. Gemeinsam mit Mario trage ich mich am Ziel ins kleine Logbuch in der bunten Blechkiste ein, bevor ich denselben Weg zurückgehe.

Das 307 Meter hohe Felsplateau des Nordkapps zieht seit Jahrhunderten Reisende an. Einen wichtigen Wendepunkt markierte der Besuch von König Oscar II. am 2. Juli 1873, der heute als Beginn des modernen Tourismus am Nordkapp gilt. Noch heute erinnert ein Obelisk auf dem Plateau an seinen Besuch. Am Abend fahre ich noch einmal zum Nordkapp, um die berühmte Weltkugel im Sonnenuntergangslicht zu erleben – und in derselben Nacht tanzt Lady Aurora grün über den Himmel.

Samische Siedlungen in der Finnmark reichen mindestens 2.000 Jahre zurück. Bis heute ist die samische Kultur eng mit dieser Region verbunden. In Skarsvåg erinnert mich ein Schild mit der Aufschrift „Sameduojit“ daran. „Duodji“ nennt sich das traditionelle Handwerk der Samen, bei dem unter anderem Rentierfell, Geweih, Holz und Leder verarbeitet werden. Dabei entstehen Kleidung, Werkzeuge und Alltagsgegenstände, aber auch kunstvoll gearbeiteter Schmuck und Dekorationen. Das Wissen um Materialien und Techniken wird seit Generationen weitergegeben und ist bis heute ein wichtiger Teil der samischen Kultur und Identität.

In Honningsvåg beobachte ich, wie die Hurtigruten-Fähre „Nordnorge“ im Hafen anlegt – die traditionsreiche Küstenroute verbindet den Ort mit zahlreichen Häfen entlang der norwegischen Küste. Ich schlendere durch die kleine Stadt, vorbei am Hafen, an Fischerbooten und den dicht aneinandergereihten Häusern, hinter denen die kargen Berge Magerøyas aufragen. Noch heute ist die Nähe zum Meer überall spürbar – die Fischerei hat den Ort über Jahrhunderte geprägt und ist bis heute ein wichtiger Teil des Lebens auf der Insel.

Vom alten Honningsvåg blieb nach dem Zweiten Weltkrieg fast nichts übrig: Beim Rückzug der deutschen Wehrmacht wurde der Ort 1944 niedergebrannt. Die 1885 eingeweihte Kirche war das einzige Gebäude in Honningsvåg, das die Zerstörung überstand. Nach dem Krieg diente sie den zurückkehrenden Bewohnern sogar vorübergehend als Unterkunft und unter anderem als Bäckerei.

Magerøya bleibt mir als ein Ort voller Gegensätze in Erinnerung – rau und karg, geprägt von seiner Geschichte und gleichzeitig voller besonderer Begegnungen und Momente.

Wenn der Norden leiser wird - Lyngen Alpen

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Mein Ziel: die Lyngen-Alpen. 350 Kilometer oberhalb des Polarkreises erheben sich auf einer Länge von 90 Kilometern wohl die schönsten Alpen des hohen Nordens. Der höchste Berg, der Jiekkevárri, ragt 1.834 Meter aus dem Lyngenfjord – sein vergletschertes Gipfelplateau bringt ihm den Beinamen "Montblanc des Nordens" ein. Doch auch die anderen schroffen Gipfel müssen sich nicht verstecken.

Am Blåisvatnet, dem "Blauen See", hält mich die Farbe des Gletscherwassers fest – gespeist vom Lenangsbreen-Gletscher, dessen feines Gesteinsmehl das Licht so bricht, dass ein tiefes,
fast unwirkliches Blau entsteht, umrahmt von schneebedeckten Felswänden.

Zwischen goldenen Birken campe ich am Ufer eines rauschenden Flusses, während sich das Abendlicht langsam durch die Bäume schiebt. Tagsüber ziehen mich die schroffen Gipfel und die wechselnden Farben des Fjords immer wieder vor die Kamera, nachts übernimmt der Himmel: Sobald die Wolken aufreißen, tanzt Lady Aurora über den Bergspitzen – und hier oben wird es tatsächlich still um mich.

Südwärts

Der Rückweg führt mich über die E-Straßen zurück nach Narvik, vorbei an Abisko und Kiruna, weiter an Schwedens Ostküste entlang bis nach Trelleborg. Die Fähre nach Rostock schließt den Kreis, der vor vier Monaten hier begonnen hat. Irgendwo auf dem Wasser wird mir klar, dass die Reise wirklich zu Ende geht. Vier Monate voller neuer Landschaften, besonderer Begegnungen und unzähliger Momente liegen hinter mir. Zuhause in Österreich fühlt sich vieles zunächst wieder schneller und lauter an. Was bleibt, ist die Ruhe, die ich mit dem Norden verbinde, die Weite der Landschaft und all die Begegnungen, die diese Reise geprägt haben. Ein Gefühl, das ich mit zurück in den Alltag nehme.

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